Spieglein, Spieglein

Sich selbst kennen (oder kennenlernen) ist das eine, unerwünschte Seiten ausblenden das andere. Vielleicht kennt das ja jemand? „So bin ich auf keinen Fall!“ „Das habe ich noch nie gemacht!“ „Das finde ich schrecklich an einer Person.“ Und dann verhält man sich genau so, wie man es eigentlich ablehnt, und merkt es nicht einmal.

Beim NPI (einem Test auf nicht-pathologischen Narzissmus, der sich aber an den Kriterien der NPS orientiert) werden Aussagenpaare gegenübergestellt. Zum Beispiel „Ich schaue mich gern im Spiegel an“ und „Ich schaue mich nicht gern im Spiegel an“ sowie ähnliche Fragen. Man soll dann entscheiden, was auf einen zutrifft. Im Grunde ganz einfach.

Aber was, wenn zwei gegensätzliche Aussagen gleichermaßen wahr sind? Mein Ideal wählt natürlich die sozial erwünschte Antwort B) Ich gucke nicht gern in den Spiegel. Fühlt sich gut an, alles richtig gemacht, jetzt kann keiner ablästern. Ich nehme aber jeden Spiegel mit, den ich finden kann. Ich liege manchmal auf der Couch und blicke mich stundenlang im Handspiegel an. Aus allen möglichen Perspektiven. Da ich nicht allzu attraktiv bin, liegt der Schwerpunkt auf besonderen Merkmalen wie Augenfarbe oder Wangenknochen, die sonst niemand in der Form hat, weswegen ich dann ja doch wieder attraktiv bin. Nur halt auf unkonventionelle Weise.

Ich muss in jeden Spiegel blicken, auch in die Schaufenster von Kaufhäusern. Ich habe mal versucht, das zu unterbinden und einfach nicht reinzuglotzen. Es war schwer und überraschend unangenehm. Ich will es nicht gleich Entzugserscheinung nennen, aber es erzeugte schon eine Leere verbunden mit Unbehagen. Ach ja, Fotos starre ich ebenfalls wie blöde an.

Warum also ständig in den Spiegel gucken? Ist das die berühmte Selbstverliebtheit? Ich glaube, es ist eine Art Faszination, sich selbst zu sehen, ähnlich wie bei einem kleinen Kind, das sein Spiegelbild zum ersten Mal entdeckt. Es geht weniger um Eitelkeit, mehr ums Erleben des eigenen „Vorhandenseins“. Als wäre man ohne Spiegel nicht da, oder zumindest nicht vollständig.

So verhält es sich ja auch mit dem Spiegeln durch andere. Sie bestätigen nicht nur erwünschte Eigenschaften, sie spiegeln generell, dass man da ist. Durch die Selbstentfremdung braucht es diese Spiegelung von außen, immer wieder.

Zurück zum Fragebogen. Die Antwort A. erscheint nun richtig. Aber trotzdem bleibt das Gefühl, dass B. ebenfalls stimmt. Die Maske des Idealen ist so überzeugend, dass nicht nur Außenstehende auf die Fassade hereinfallen, sondern die Trägerin selbst glaubt, diese Maske zu sein.

Advertisements

Autor: Maskenspiel

Ich schreibe über verdeckten Narzissmus und Zwänge.

23 Kommentare zu „Spieglein, Spieglein“

  1. Ganz toller Eintrag, liebe Maskenspiel! Ich habe das noch NIE so betrachtet und gesehen, finde es aber ganz faszinierend.

    Mei eigenes Verhältnis zu Spiegeln ist tatsächlich eher ein Kritisches. Die Kritik richtet sich aber, wenn ich ehrlich bin, gar nicht so sehr gegen den Spiegel sondern gegen mich, den , den ich da sehe. Es wird schwer für mich werden, mich mal länger im Spiegel zu betrachten, aber es scheint mir nun weit interessanter als ich auch nur ahnen konnte oder zu ahnen wagte.

    Wo könnte ich nur ansetzen … hmm, vielleicht bei meiner Augenfarbe …

    Dankeschön für diese wenn für mich auch schwierig zu verarbeitende und anzugehende Inspiration!

    Sehr liebe Grüße an Dich!

    Gefällt 3 Personen

  2. Anregender Beitrag. Dankeschön fürs Mitteilen. Das mit Schaufensterschauen ist mir auch vertraut. Man sieht sich in der Bewegung – genau wie einst in einer Werbung im Fernsehen vorgemacht – wobei es sich um eine Diätwerbung handelte. Gezeigt wird – wie sich eine Frau an ihrem Spiegelbild erfreut. Mal vom Zweck der Werbung abgesehen, kann ich nichts Unrechtes in diesem Verhalten entdecken. Spiegel sind ja dafür gemacht, damit der Mensch sich darin sehen kann. Wahrnehmen kann, wie jenes – was er in sich fühlt – im Außen zeigt.
    Die Fragestellung, ob man sich gern oder nicht gern im Spiegel anschaut, sagt ja eigentlich gar nichts darüber aus, wie oft man es tatsächlich tut. Ich zum Beispiel, hab viele Dinge nicht gern getan, dennoch hab ich es gemacht.

    Die Sache mit der Verdrängung ist echt heftig und genau so, wie du es beschreibst. Ich komme kaum noch aus dem Staunen heraus, über die Welt und natürlich auch mich selbst.

    Liebe Grüße * Luxus

    Gefällt 1 Person

  3. „Durch die Selbstentfremdung braucht es diese Spiegelung von außen, immer wieder.“ Dieser Satz spiegelt die ganze Tragik des Narzissten, nicht wahr? Einem Ideal entsprechen wollen (weil man sich so, wie man ist, als nicht gut genug erlebt), dadurch die eigenen Wünsche, Bedürfnisse, Gedanken, Verhaltensweisen verdrängen, und dann irgendwann glauben, dass das Ideal das eigene Selbst ist. Wird das Ideal in Frage gestellt, tritt Kränkung und Selbstentwertung oder aber Entwertung des Kränkenden als Abwehr ein. Etwas kompliziert ausgedrückt, aber so verstehe ich deine Aussage.

    Gefällt 1 Person

  4. Sehr interessant er Beitrag (wie eigentlich immer 😉 )
    Zu Spiegeln habe ich übrigens ein gespaltenes Verhältnis – einerseits habe ich mich an mein Spiegelbild gewöhnt, weil ich mich öfter selbst zeichne und dabei in den Spiegel gucke – und ich kann immer mehr akzeptieren, wie ich aussehe – das war früher viel schwieriger für mich.
    Wenn ich unterwegs bin, gucke ich lieber nicht so oft in den Spiegel, aus Furcht, mir könne auffallen, dass die Haar liederlich aussehen, die Haut glänzt, ein Pickel prangt – das will ich dann lieber gar nicht wissen! kann unterwegs ja nichts mehr daran ändern! Kamm und Schminkset dabei zu haben und mich auf der öffentlichen Toilette „aufzuhübschen“, würde mir viel zu eitel vorkommen (obwohl ich das bei anderen durchaus in Ordnung finde, nur bei mir eben nicht …) .

    Ich mag auch gar nicht, wenn jemand Fremdes guckt, wie ich in den Spiegel gucke – wenn ich selbst nicht mit mir zufrieden bin, sollen „die anderen“ das lieber nicht sehen – ich müsste lügen und meinem Spiegelbild zufrieden zulächeln oder aber tun, wonach mir ist – mir eine Fratze ziehen. Weder aber mag ich lügen, die Wahrheit ist jedoch für die anderen unerfreulich zu beobachten (wer guckt gerne anderen bei der Selbstzerfleischung zu). Aber was ganz schlimm wäre: vielleicht würde ich zufrieden mit dem sein, was ich sehe, das wäre doch aber arrogant und abzulehnen, denn ich habe lieb und bescheiden zu sein. Also schlussendlich ist gar keine Variante „richtig“- folglich vermeide ich die Konfrontation mit dem Problem.

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Agnes,

      interessante Sicht! Demnach hast du auch ein Ideal (lieb, nett, bescheiden sein)? Oder vielleicht eher ein Ideal der Eltern, wie das Kind zu sein hat? In jedem Fall ist es mir auch sehr wichtig, wie ich von außen wahrgenommen werde. Allerdings ist meine Sicht, wie die anderen mich wiederum wahrnehmen, häufig verzerrt, oft zum Nachteil für mich, nicht selten aber auch zum Vorteil, wenn ich glaube, viel besser anzukommen, als es tatsächlich der Fall ist. Dann folgt das Erwachen… LG!

      Gefällt 1 Person

      1. … ich habe sogar einander widerstreitende Ideale – lieb, nett, bescheiden auf der einen Seite, aber ein Teil von mir verachtet und verabscheut dieses brave Angepasstsein. Manchmal sehe ich Menschen, die mir offenkundig ähnlich sind – schüchtern, am Rande, still — und fühle eine tiefe Verachtung (für die ich mich selbstredend schäme)
        Dem Streben nach „Sittsamkeit“ gegenüber steht das Streben nach Selbstbewusstsein, Entscheidungsstärke und ein bisschen der Wunsch, den gewachsenen Schnabel auch mal sprechen zu lassen, egal, ob das anderen passt oder nicht. Aber – nein, so darf ich auch nicht sein, denn das ist „böse“, man drängt sich einfach nicht in den Vordergrund!
        Die Stimme der Vernunft spricht: finde einen Mittelweg, aber leicht gesagt. Ich neige eben auch gern zum Extremen …
        Liebe Grüße

        Gefällt 1 Person

      2. Bei mir ist es so, dass man sich nicht grundlos in den Vordergrund drängt, aber man kann es sich verdienen, durch außergewöhnliche Leistungen zum Beispiel. Dass mit der Verachtung kenne ich auch, bezieht sich generell auf Schwäche. LG!

        Gefällt 1 Person

  5. Hallo Maskenspiel, ich finde es interessant, dass du glaubst, die sozial erwünschte Antwort ist:
    “Ich schaue mich nicht gern im Spiegel an“
    Aus meiner Sicht ist es nämlich genau umgekehrt.
    Sozial erwünscht ist, sich gerne im Spiegel anzuschauen.

    Gefällt 1 Person

      1. Und ich Dummerchen dachte immer:
        “Neid ist die höchste Form der Anerkennung“
        Liebes Maskenspiel, ich hoffe Sie nehmen mir diesen Spruch nicht übel?

        Gefällt mir

      2. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Neider besonders gern scharfe Kritik üben. Darauf verzichte ich gern und begnüge mich, bescheiden wie ich bin, mit der zweithöchsten Form der Anerkennung durch ehrliche Bewunderer.

        Gefällt mir

  6. „Schau dich doch mal an, wie du wieder aussiehst.“ So oder so ähnlich hat das jeder, seit frühester Kindheit sicher schon mal gesagt bekommen. Am besten kann man sich anschauen mit Hilfe einer Spiegelung, sei es im Wasser oder Fenster oder einem richtigen Spiegel. Das gilt auch für „oh bist du aber ein hübsches….“ da kommt man irgendwann sicher auch auf den Gedanken das mit eigenen Augen zu überprüfen. Welches „Selbstbild“ man dann wahrnimmt, wird auch stark vom Umfeld geprägt, von dem was gesellschaftlich als relevant erachtet wird. Ein früher Mensch mag seine Spiegelung ganz anders betrachtet haben, vielleicht war er erschrocken oder belustigt, aber ich bin mir fast sicher, dass er sich keine Gedanken gemacht hat, ob es okay ist sich zu betrachten, oder nicht. LG

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s