Verwöhntes Kind vs Vernachlässigtes Kind

Wie die beiden Formen des Narzissmus entstehen ist noch nicht gänzlich geklärt. Eine Theorie besagt, dass ein idealisiertes und verwöhntes Kind, das aber dennoch nicht es selbst sein darf, eher offenen/grandiosen Narzissmus entwickelt, während ein emotional vernachlässigtes Kind, das ebenfalls kein wahres Selbst ausbilden kann, verdeckt-narzisstisch wird. Um die Sache zu verkomplizieren kann es aber auch genau umgekehrt sein oder das Kind entwickelt andere Störungen bzw. in glücklichen Fällen auch gar keine. Noch dazu scheint der Narzissmus eine starke genetische Komponente aufzuweisen, so dass es schwer ist, Aussagen zu treffen, was nun genau zur späteren narzisstischen Störung geführt hat. Nichtsdestotrotz lohnt es sich, einen Blick auf die beiden Modelle zu werfen.

Verwöhntes Kind:

  • – Die Eltern haben ein idealisiertes Bild von dem Kind bzw. wie dieses sein sollte (z.B. besonders intelligent, besonders begabt, besonders hübsch…). Das Kind passt sich entsprechend diesen Wünschen an, hat dabei aber nicht die Möglichkeit, es selbst zu sein.
  • – Verhält sich das Kind wie gewünscht, bekommt es Anerkennung und Liebe.
  • – Häufig wird das Kind materiell überversorgt.
  • – Kann das Kind, aus welchen Gründen auch immer, die Forderungen der Eltern nicht erfüllen, folgen Ablehnung und Entwertung.
  • – Das Kind merkt, das sein reales Selbst nicht gut genug bzw. liebenswert ist. Entwickelt es Wut oder Verzweiflung darüber (aus Sicht der Eltern unerwünschte Gefühle), erfährt es erneut Abweisung.
  • – Das Kind flüchtet sich in grandiose Fantasien und entwickelt ein unrealistisches Selbstbild. Es versucht so zu sein, wie die Eltern es haben wollen und wie es gelernt hat, Zuneigung zu erhalten. Meistens ist hier auch eine Leistungskomponente enthalten. Großartige Leistungen (z.B. in der Schule oder besondere Begabungen) werden die Eltern mit Zuneigung honorieren, fühlen sie sich dadurch doch als Eltern bestätigt. (Wir müssen großartige Eltern sein, wenn wir solch ein großartiges Kind haben.)

Vernachlässigtes Kind:

  • – Das Kind erfährt in erster Linie Ablehnung und Entwertung („Du bist die größte Enttäuschung meines Lebens.“ „Du bist eine Zumutung.“ „Ich wünschte, es gäbe dich gar nicht.“)
  • – Das Kind identifiziert sich irgendwann mit den negativen Zuschreibungen.
  • – Um Zuwendung zu bekommen, machen sich diese Kinder absichtlich klein, so dass die Eltern Bestätigung erhalten. Dieses Verhalten bleibt auch später noch bestehen.
  • – Das negative Selbstbild des Kindes wird durch Größenfantasien kompensiert.
  • – In manchen Fällen wird das Kind zum Ersatzpartner oder zum Elternteil der eigenen Eltern, wobei sich die Rollen vertauschen. Das Kind sorgt dann für die Erfüllung der Bedürfnisse der Eltern anstatt umgekehrt.
  • – Diese Kinder schwanken zwischen Vermeidungsverhalten und Angst, verlassen zu werden.

Ich habe beide Seiten erfahren und glaube eigentlich auch, dass es den meisten vermutlich so geht. Was ich sagen kann ist, dass angepasstes und gewünschtes Verhalten belohnt wird, aber auch nicht unbedingt zu mehr Zuneigung führt, sondern manchmal auch zur Selbstverständlichkeit wird. Das Sorgen und Kümmern um ein Elternteil, das selbst recht unberechenbar anmutet, führte bei mir zu einem „Abflachen“ von Gefühlen und Empathie, so dass mir oft gesagt wurde, wie kalt und egoistisch ich sei. Tatsächlich spürte ich irgendwann einfach kein Mitgefühl mehr, alles ging in ein Ohr rein und kam aus dem anderen wieder raus. Desweiteren habe ich die kleine paranoide Vorstellung, dass alle mich gern klein haben wollen, um sich selbst größer zu fühlen, worauf ich selten mit realer Gegenwehr reagiere, sondern eben in den erwähnten grandiosen Fantasien. Es kommt aber auch vor, dass ich förmlich explodiere. Ich versuche das zu kontrollieren, aber oft genug bricht es einfach aus mir raus.

Mehr zum Thema: Warum es auch gut ist, Narzisst zu sein von Jochen Peichl.

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Autor: Maskenspiel

Ich schreibe über verdeckten Narzissmus und Zwänge.

9 Kommentare zu „Verwöhntes Kind vs Vernachlässigtes Kind“

  1. Hallo,

    wieder einmal ein sehr interessanter Post, danke dafür!

    Einer meiner Elternteile hat sehr wahrscheinlich eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur und bei ihm/ihr trifft viel vom Schema des vernachlässtigten Kindes zu: Emotional abwesende Eltern, greifbare Vernachlässigung usw. In meiner Erziehung lief es dann wiederum so ab, dass der Elternteil, der selbst das vernachlässigste Kind war, mich sehr gehypet und auch verwöhnt hat: Meine bestehenden Stärken wurden oft gelobt und vor anderen damit angegeben, ich sollte Leistungen in Gebieten erbringen, die mir gar nicht lagen und es gab Wutanfälle, wenn ich nicht so gut war, wie das Elternteil sich erhoffte, verletztende Abwertungen, wenn ich Abgrenzungstendenzen zeigte … Das alles hat mich geprägt und auch Anteil an meinen Erkrankungen. Ich manchen Punkten erkenne ich heute auch selbst narzisstische Tendenzen bei mir …

    Ich finde es spannend (und auch erschreckend), wie sich narzisstische und auch andere Muster durch die Familien über mehrere Generationen ziehen können. Ich bin gerade dabei, das für mich alles aufzuarbeiten und irgendwie klar zu kriegen.

    Dein Blog hilft mir dabei wirklich, denn beschreibst alles sehr nachvollziehbar und vor allem ohne die Abwertung, die man sonst so oft Narzissten gegenüber findet. Auch wenn mein Elternteil narzisstische Strukturen hat, liebe ich ihn/sie und Sätze. wie man sie so oft findet, wie „Narzissten können gar nicht lieben“ erlebe ich dann als sehr verletztend und auch als nicht zutreffend. Vielleicht mag das auf extreme Ausformungen zutreffen? Aber diese Pauschalisierungen sind sicher nicht hilfreich und verletzen auch.

    Liebe Grüße
    Nelia

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Nelia,

      freut mich sehr, dass dir mein Blog hilft. Wie ich ja schrieb, soll es auch eine genetische Komponente geben, so dass es gar nicht so überraschend ist, wenn der Narzissmus gehäuft in Familien auftritt.

      Diese negativen Darstellungen, die du erwähnst, sind mir bekannt, allerdings muss man sagen, dass auf vielen dieser Internetseiten Beratungen von „Coaches“ teuer verkauft werden sollen. Diesen Webseiten würde ich schon allein deshalb nicht vertrauen. 😉

      LG!

      Gefällt 1 Person

      1. Hey,
        danke für deinen Kommentar! Das mit der genetischen Komponente wusste ich noch nicht, sehr interessant. Wir haben (leider) eine relativ bunte Mischung an psychischen Erkrankungen in der Familie und ich frage mich seit längerem, wie viel davon erblich und wie viel anerzogen ist. Je nachdem, wen man fragt, schwanken die Antworten meiner Erfahrung nach: Psychiater argumentieren mehr mit Genetik und Co., psychologische Psychotherapeuten dagegen mit Erziehung und „Lernen am Modell“ …

        Dass mit den Beratungen ist ein gutes Argument, an das ist noch gar nicht gedacht hatte. hast du Seiten zum Thema, die du denn empfehlen könntest?
        Ich habe anfangs viel auf http://www.narzissmus.org/ gelesen, wo eine Tochter sehr ausführlich über ihre Kindheit mit ihrer narzisstischen Mutter berichtet. Dementsprechend ist allerdings dann auch die Perspektive …
        LG

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      2. Also da wäre zum einen dieser super Blog „Verdeckter Narzissmus“ (und Zwänge), aber den kennst du ja bereits 😉 Ich würde da eher die Bücher von Bärbel Wardetzki (Weiblicher Narzissmus) und von Jochen Peichl (Narzisstische Verletzungen der Seele heilen) empfehlen. Da ist man auf der sicheren Seite, ist neutral geschrieben und die verfolgen auch keine Agenda oder so. Leider scheint der Narzissmus irgendwie der Sündenbock unter den ganzen Störungen zu sein, wobei Narzisst inzwischen schon ein halbes Schimpfwort geworden ist. LG!

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