Idealisierung und Entwertung

Narzisstische Störungen befinden sich aus psychoanalytischer Sicht auf dem mittleren Strukturniveau, dessen zentrale Merkmale die Selbstwertregulation und der Autonomie-Abhängigkeits-Konflikt sind. Zu den Abwehrmechanismen dieser Persönlichkeitsorganisation gehören „Idealisierung und Entwertung“.

Interessant ist hierbei, dass die Abwehrmechanismen von grandiosen und verdeckten Narzissten unterschiedlich eingesetzt werden. Erstere idealisieren sich selbst („Ich bin toll!“) und entwerten andere („Du bist mir unterlegen.“), während es bei Letzteren genau umgekehrt abläuft. Die anderen werden idealisiert („Du bist toll.“) und es findet eine Selbstentwertung („Ich bin unterlegen.“) statt. Hier sieht man deutlich, warum häufig vom Schlüssel-Schloss-Prinzip gesprochen wird. Doch ist das alles wirklich so einfach und sind die Rollen klar verteilt?

In der Realität treten statt dieser klassischen Typen viel häufiger Mischtypen auf, bei denen sich die Eigenschaften beider Seiten vermengen. Ich kann jemanden idealisieren und später entwerten oder ganz den Modus wechseln. Außerdem ist auch der „grandiose Narzisst“ in seinem Kern verletzlich. Beide haben dieselbe Grundthematik. Und sie können beide Seiten der Medaille ausleben.

Ich merke meistens gar nicht, wenn ich jemanden idealisiere. Aus meiner Sicht ist die Wahrnehmung des anderen als fehlerfrei eben berechtigt. Auch meine alltäglichen Selbstentwertungen bekomme ich gar nicht vollumfänglich mit. Die sind so normal, dass es mir nicht weiter auffällt. Anders ist es, wenn die Selbstentwertungen stärkeres Ausmaß annehmen, oder sich Entwertungen gegen andere richten, weil irgendetwas total aus dem Ruder gelaufen ist.

Aufgrund meiner Trennungsängste befürchte ich dann oft, dass es nach einem Streit (der häufig besagte Entwertungen enthält) zum Bruch kommt. Leider ist diese Sorge komplett vergessen, wenn ich erst mal in meinem „Wolf-Modus“ bin. Davor und danach wird die Angst aber aktiv. Eine Folge ist, dass ich mich überanpasse, um schlimme Konsequenzen zu vermeiden…

Autor: Maskenspiel

Ich schreibe über verdeckten Narzissmus und Zwänge.

5 Kommentare zu „Idealisierung und Entwertung“

  1. Der Bruder einer Bekannten ist glaube ich auch Narzist. Er kann und weiß immer alles besser und muss jeden zwanghaft korrigieren. Ich weiß natürlich nicht ob dass auf Dich auch zutrifft. Das ist zumindest meine Idee von Narzismus. Ich denke nicht dass es so häufig ist das man Narzismus umgangssprachlich verstehen sollte. Sonst wäre die halbe Schwulenszene narzistisch. So nach dem Motto ich bin der schönste und ihr anderen müsst auch trainieren oder zumindest abnehmen. Ich denke dass ich als ADSler relativ wenig narzistisch bin. Für mich stehen die anderen eher im Mittelpunkt. Ich habe eine großes Herz für Benachteilligte, das hat aber wenig damit zu tun dass ich selber ein Außenseiter bin. Und mein Selbstwertgefühl ist auch nicht gerade übersteigert. Vielleicht können wir ja tauschen. Ich gebe Dir etwas von meiner Bescheidenheit und Du mir etwas von Deinem Selbstbewußtsein, dann sind wir beide gesünder. Die andere Extreme ist auch nicht so gut, aber bei Dir wechselt dass anscheinend auch. Ich denke es ist schwierig ein realistisches Weltbild aufrecht zu halten. Mein Lebensgefährte kann nerven aber manchmal ist er der beste Ehemann der Welt. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Ich neige aber eher zum idealisieren als zum abwerten. Überanpassung kenne ich aber auch. Kritik äußern fällt mir schwer bis sich dann Wut so anstaut das ich explodiere. Passiert aber jetzt seltener als früher, das Medikament das ich einnehme macht mich ausgeglichener.

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    1. Danke für deinen ausführlichen Kommentar. Schön, dass dich das Thema interessiert. Ich verstehe es so: Beim Narzissmus geht es um „doppelte Selbstwertregulation“. D. h. Minderwertigkeitsgefühle werden durch Größenideen kompensiert. Beim verdeckten Narzissmus, um den es in meinem Blog ja geht, stehen jedoch vor allem Unzulänglichkeit und hohe Ansprüche an sich selbst im Vordergrund. LG

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  2. Ich war mehrfach mit Narzissten (in und ohne Therapie) in einer „Partnerschaft“. Die setze ich in Anführungszeichen, weil es aus meiner Sicht ein Abarbeiten der Egomacken an meiner Person war. Insofern ist Partnerschaft nicht der richtige Begriff.
    Solange ich selbst in meiner Mitte ruhe, kann ich damit umgehen, doch wenn ich aus dem Gleichgewicht bin, bin ich verletzt, enttäuscht, energieleer; Raum für das, was sich bei mir als Depression entwickelte. Aus diesen Erfahrungen empfehle ich Dir ein Buch: Byron Katie: The work. Da geht es um die Glaubenssätze und wie man diese überwindet. Freilich muss man dazu erst einmal herausfinden, welcher Glaubenssatz zur aktuellen Stimmung und dem entsprechenden Verhalten führt. Achtsamkeit ist ein Weg dahin.

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    1. Danke für deinen Buchtipp. Ich bin eher ein Beziehungsvermeider (bzw. ambivalent) und narzisstische Männer interessieren mich nicht besonders. Aber an meinen Glaubenssätzen zu arbeiten, diese überhaupt erst mal zu erkennen, ist sicher ein guter Weg. Ich behalte das Buch im Hinterkopf. LG

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